America’s Cup 2017: Interview mit Segler Dominik Neidhart

AC-Sieger von 2007 über die Chancen der Teams

Profisegler und Redner Dominik Neidhart spricht im Interview über Teambuilding, Motivation und die Chancen der Teilnehmer beim 35. America’s Cup (AC). Die Qualifikationsrunde der weltgrößten Segelregatta läuft bereits, der eigentliche Wettbewerb beginnt am 17. Juni. Fünf Teams treten in der ersten Runde zweimal gegeneinander sowie gegen den Titelverteidiger Oracle Team USA an. Ein Sieg bedeutet einen Punkt, die besten vier Teams kommen in die Play-offs. Darin wird der Gegner für die automatisch qualifizierten USA ermittelt. Berufssegler Dominik Neidhart gewann 2007 mit dem Schweizer Team Alinghi den America’s Cup, die älteste noch heute ausgetragene Segelregatta der Welt. Als Referent der in Deutschland, Österreich und der Schweiz tätigen Redneragentur 5 Sterne Redner hält er begeisternde Vorträge, in denen er erklärt, was Unternehmen vom Segeln lernen können.

Die Qualifikationsrunde des 35. America“s Cup läuft. Wer ist Ihrer Meinung nach der Favorit und wem drücken Sie die Daumen?

Neidhart: Das Oracle Team USA ist in Bezug auf Budget, Technologie, Personal und Erfahrung ganz klar der Favorit. Das Team erpobt bereits seit 2008 die Katamarantechnologie und kann damit auf einen enormen Fundus von Daten zurückgreifen. Dazu kommt eine spezielle Eigenheit des America“s Cup Reglements. Der Titelhalter der Trophäe muss auch immer den nächsten Wettbewerb ausrichten und kann damit das Wettbewerbsformat und insbesondere die Schiffskonstruktion also Typ, Größe, alle technischen Details, Crew usw. bestimmen. Dieser große Wissensvorsprung und macht den America“s Cup zu der wohl am schwierigsten zu erringenden Sporttrophäe überhaupt.

Ich persönlich drücke dem Team New Zealand die Daumen. Es ist das Team, das im letzten America“s Cup 2013 mit einem deutlich kleineren personellen Aufwand und auch wesentlich kleinerem Budget den übermächtigen Gegner Oracle fast besiegt hat. Für mich war dieses America“s Cup Finale nicht die größte Aufholjagd des Sports, sondern die bitterste Niederlage. Das Team Neuseeland hat die herausragende Fähigkeit, aus seinen Ressourcen mit größter Effektivität ein Maximum herauszuholen und immer genau zu identifizieren, was sie in welchem Abschnitt des Rennens erfolgreich macht.

Genau das fehlt den USA. Oracle kann es sich leisten, alle möglichen technischen Details in unterschiedlichster Form herzustellen. Es fällt dem Team aber schwer, aus der daraus entstandenen großen Komplexität der Möglichkeiten zu identifizieren, was erfolgversprechend ist und verzettelt sich dabei. Die Amerikaner erkennen erst im direkten Vergleich auf dem Wasser mit anderen Teams, wie sich die Racewinner manifestieren und versuchen dann mit ihrer übermächtigen technischen Landmannschaft diese Faktoren zu kopieren.

Das britische Team hat mit Ben Ainslie einen hervorragenden Teamleader und es wird spannend sein zu sehen, ob die Newcomer die erfahrenen Teams unter Druck setzen können und dabei selbst mit dem Druck in den ersten Rennen umgehen und können. Schließlich begann alles 1851 in England. Nicht außer Acht lassen sollte man das schwedische Team Artemis. Trotz eines schweren Unfalls 2013 hat es nie aufgegeben und im „Schatten“ der anderen großen Teams still, aber konsequent weiter gearbeitet.

Was muss man für ein Typ sein, um beim AC zu siegen? Welche Eigenschaften sollte man mitbringen?

Neidhart: Der America“s Cup wird nur von der ganzen Mannschaft gewonnen. Landcrew und Segelteam umfassen je nach dem mehrere hundert Mitarbeiter. Entscheidend ist, ob es gelingt, eine Kooperationskultur zu etablieren, in der jeder bereit ist, mit seinem Wissen und seinen Fähigkeiten die anderen zu unterstützen, um so Synergien zu entwickeln und die Teamziele zu erreichen. Der America“s Cup ist ein Wettbewerb, in dem sich alles enorm schnell ändert. Unterschiedliche Austragungsorte, also stets neue Wind- und Wasserbedingungen, unterschiedliches Regelwerk, neue Wettbewerber und geradezu dramatische technologische Entwicklungen. 2010 wurde der Cup zwischen Alinghi und Oracle mit riesigen Katamaranen ausgetragen. Dreißig Meter lange Schiffe mit Masten fast 80m hoch. Seit 2013 kommt die Hydrofoiling -Technologie zum Einsatz. Dabei wird mittels eines kleinen Flügels, wie in der Aerodynamik unter Wasser, ein Auftrieb erzeugt. Die Schiffsrümpfe heben sich dadurch ganz aus dem Wasser und die Schiffe scheinen über das Wasser zu schweben. Heute werden an die 50 Knoten (ca. 90Km/h) Geschwindigkeit erreicht. Zu meiner Segelzeit hätte ich davon nicht einmal geträumt. Was erfahrene Topsegler auszeichnet ist, dass sie verstehen, welchen Einfluss dieser schnelle Wandel auf die erfahrenen Erfolgsfaktoren hat. Diese verlieren dramatisch schnell an Bedeutung, das heißt man muss bereit sein, sich nicht über Erfolge in der Vergangenheit zu identifizieren. Entscheidend ist, bereit zu sein, von den anderen Topleuten zu lernen, offen für neue Standpunkte zu sein und ein Interesse zu entwickeln, was für andere Bereiche wichtig ist. Diesen Diskurs in der Absicht des Teamerfolges zu führen ist entscheidend.

Kann man eigentlich auch mit einem zweiten oder dritten Platz zufrieden sein? Was hätten Sie damals gemacht, hätten Sie nicht gewonnen?

Neidhart: Es besteht immer die Möglichkeit, dass man nicht gewinnt. Wenn ich meinen besten Beitrag zum Teamerfolg beigetragen habe, kann ich mir keinen Vorwurf machen und habe persönlich gewonnen. Wenn das Team alles aus seinen Möglichkeiten herausgeholt hat, ist die Kampagne ein Erfolg. Man muss immer respektieren, dass es Bessere geben kann. Die Frustration entsteht erst durch Niederlagen auf Grund vermeidbarer Fehler und nicht ausgeschöpfter Potentiale. Ich wäre auch so weiter gesegelt. Zu Beginn einer Herausforderung weiß man sowieso nicht, ob man in zwei oder drei Jahren gewinnen kann. Mich hat immer der Weg dorthin fasziniert: Das Beste aus sich herauszuholen, sich weiterzuentwickeln, andere Teammitglieder zu inspirieren und gemeinsam etwas zu erreichen.

Was muss man tun, um aus einem Haufen vollkommen unterschiedlichen Menschen ein erfolgreiches Team zu formen?

Neidhart: Es geht darum, sich auf ein gemeinsames Ziel zu verständigen. Und das muss nicht unbedingt der erste Platz sein. Bei Alinghi wollten wir die bestmögliche Mannschaft werden. Denn diesen Prozess kann man jeden Tag selbst beeinflussen. Wir haben uns darauf verständigt, wie wir das tun wollen – ein kontinuierlicher Lern- und Entwicklungsprozess der ganzen Crew. Das schafft Sinn und diese Sinnhaftigkeit ist entscheidend, um sich über das, was man tut und wie man es tut zu motivieren und identifizieren.

Beim AC spielen Mensch und Technik, also Teamfähigkeit und die besten Materialien zusammen. Liegt darin sein großer Reiz?

Neidhart: Jedes Team ist verpflichtet, die eigenen Hochtechnologie-Rennyachten, heute Katamarane, zu entwickeln und herzustellen. Dann geht es in der mehrjährigen Vorbereitungszeit darum, gemeinsam mit der Segel- und Landcrew, Ingenieuren und Technikern das schnellste und zuverlässigste Schiff aufs Wasser zu bringen. Die Segelcrew trainiert jahrelang, um dieses Boot perfekt zu beherrschen. Wir brauchen also das beste Schiff und die beste Crew, um überhaupt dabei zu sein, sind aber im Rennen auf dem Wasser nur so gut wie der Schwächste im Team.

„Go hard or go home“ ist Ihr Motto. Was genau meinen Sie damit?

Neidhart: Das klingt vielleicht im ersten Moment etwas hart. Ich meine damit: Chancen nutzen, neugierig sein, vollen Einsatz bringen und das Beste daraus machen. Dadurch entsteht immer ein persönlicher Gewinn. Sich auf das zu konzentrieren, worauf man selbst Einfluss nehmen kann, nicht über die Umstände jammern. Es ist nie einfach, wenn man etwas sehr gut hinkriegen will. Dann kann man auch stolz auf das Erreichte sein und daraus entsteht wieder Motivation.

Was kann man von einem Segler in Sachen Motivation lernen?

Neidhart: Wir arbeiten in einem kontingenten Umfeld. Wir können nicht einfach anhalten, uns auswechseln lassen oder aussteigen. Der Wind dreht, wird stärker oder schwächer. Das Wasser bewegt sich, alles schaukelt, wir können sogar untergehen. Das heißt, wir sind uns der Konsequenzen unseres Handelns sehr bewusst. Der kleinste Fehler kann zu einer Niederlage oder sogar zu Schiffbruch führen. Wir müssen also ohne Vorbehalte kooperieren. Die Grundlage dieser Kooperationskultur ist Vertrauen. Vertrauen ist aber eine risikoreiche Vorleistung und muss verdient werden. Das Vertrauen der anderen Topsegler, das sie in mich und meine Fähigkeiten gesetzt haben, war für mich die größte Motivation, den Teamerfolg mir meiner Leistung zu unterstützen.

Ist es überhaupt wichtig, ein großes Ziel im Leben zu haben – wie zum Beispiel den AC zu gewinnen – oder sollte man sich lieber viele kleine (Tages-)Ziele setzen?

Neidhart: Das ist eine individuelle Entscheidung. Ich habe nie davon geträumt den America“s Cup zu gewinnen. Ich wollte einfach die bestmögliche Besetzung auf meiner Position sein und den bestmöglichen Beitrag abliefern. Ich glaube aber, dass große Ziele nur durch unzählige kleine Schritte erreicht werden. Das ermöglicht eine direkte Einflussnahme, man kann schnell Fehler korrigieren und sieht gleichzeitig die Entwicklung.

Warum sollte man sich den America“s Cup nicht entgehen lassen? Worauf muss ich als Laienzuschauer achten?

Neidhart: Achten Sie auf die schnellsten Schiffe auf und sogar über dem Wasser. Es wird dramatische Duelle geben, nie dagewesene Onboard-Live-Kameraaufnahmen – und immer macht das Team den Unterschied. Mein Tipp: Neugierig sein, America’s Cup App runterladen und los geht“s!

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